Kategorien
Archiv News

Memorial für Heinz-Joachim Feuerstein

Ein Leben für Focusing und Experientielle Psychologie

Prof. Heinz-Joachim (Hejo) Feuerstein, Coordinator am Internationalen Focusing Institute in New York, Mitbegründer des Focusing Zentrums Karlsruhe, Mitbegründer der Europäischen Focusing Association und langjähriger Professor für Angewandte Psychologie an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, ist am 25. Dezember 2025 – wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag – gestorben.

Hejo wurde noch während des Zweiten Weltkriegs geboren. Seine frühen Lebensjahre waren geprägt von einer Atmosphäre permanenter Bedrohung. Viele seiner späteren Focusing-Sitzungen führten ihn immer wieder in diese Zeit zurück: die Bombennächte, das gedämpfte Licht, die angespannte Stille, die Angst seiner Mutter, die sich schützend über ihn legte. Sein Spielplatz waren die Trümmer zerstörter Häuser – Orte, an denen andere Kinder spielten, während die Erwachsenen versuchten, das Unfassbare des Krieges zu überleben. Diese frühe Erfahrung von Verletzlichkeit, Unsicherheit und gleichzeitiger Lebenskraft hat ihn tief geprägt. Sie war nie bloß biografischer Hintergrund, sondern ein stiller Resonanzraum für sein späteres Interesse an innerem Erleben, an implizitem Wissen und an der Frage, wie Menschen aus existenziellen Erfahrungen Bedeutung und Richtung entwickeln.

Hejo war verheiratet und Vater von drei Kindern: Marian, Lara und Timon.

Seine berufliche Laufbahn begann mit dem Studium der Psychologie in Heidelberg und dem Abschluss als Diplom-Psychologe. Später wurde er Professor für Angewandte Psychologie an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, wo er sich insbesondere als Impulsgeber für eine team- und prozessorientierte Weiterentwicklung staatlicher Verwaltung einen Namen machte. Neben seiner Lehrtätigkeit lagen seine Arbeitsschwerpunkte in der Organisationspsychologie, der angewandten Forschung sowie in der Weiterentwicklung von Psychotherapie, Supervision, Coaching und Training.

Seit 1979 arbeitete Hejo mit Focusing; seit 1984 war er anerkannter Ausbilder für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung bei der GwG. Als einer der ersten deutschen Psychologen reiste er zu Eugene T. Gendlin nach Chicago. Gemeinsam mit Dieter Müller führte er dort im Auftrag der Psychologie Heute ein Interview mit Gendlin, das 1984 veröffentlicht wurde. Es folgten mehrjährige Trainings am damaligen Focusing Institute in Chicago. 1986 wurde Hejo dort zum Coordinator ernannt.

1987 gründete er gemeinsam mit Dieter Müller und Reinhard Fuchs das Focusing Zentrum Karlsruhe, dessen wissenschaftliche Leitung er übernahm. In den folgenden Jahren gelang es, Eugene Gendlin mehrfach für Fortbildungen und Vorträge nach Karlsruhe einzuladen. Das FZK organisierte vier internationale Focusing-Konferenzen und wurde zu einem zentralen Ort des Austauschs zwischen amerikanischer und europäischer Focusing-Tradition. Aus dieser Zusammenarbeit entstand 2000 das Buch Focusing im Prozess, herausgegeben von Feuerstein, Müller und Weiser Cornell. Gemeinsam mit Dieter Müller verfasste Hejo zudem das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Gendlins Focusing: Selbsthilfe bei Lösungen persönlicher Probleme.

Hejo betonte stets: Focusing ist mehr als eine Methode. Es ist ein Prozess, der tief in der menschlichen Erfahrung verwurzelt ist – getragen von der Erkenntnis, dass der menschliche Körper nicht nur biologisch reagiert, sondern selbst erkenntnisfähig ist. Diese Haltung prägte auch sein Engagement, den Personzentrierten Ansatz und Focusing in Theorie und Praxis eng miteinander zu verbinden. Für ihn überwogen die Gemeinsamkeiten deutlich die Unterschiede. Unter dem Dach der GwG sah er einen fruchtbaren Raum für Weiterentwicklungen humanistischer Psychotherapie.

Er war maßgeblich an der konzeptuellen Weiterentwicklung der Ausbildungen in Personzentrierter Psychotherapie und Beratung beteiligt. 1999 initiierte er gemeinsam mit Dieter Müller und weiteren Kollegen die Weiterbildung Coach und Supervisor – personzentriert und focusing-orientiert, die von der Deutschen Gesellschaft für Supervision anerkannt wurde und bis heute erfolgreich besteht. 2010 folgte mit Experiential Concept Coaching (ECC) eine weitere Fortbildung, in der er gemeinsam mit Heinke Deloch Gendlins TAE-Konzept weiterentwickelte – mit dem Fokus auf wissenschaftliche und persönliche Konzeptentwicklung.

Auch im hohen Alter blieb Hejo geistig wach, forschend und produktiv. Sein zuletzt größtes Projekt war Experiential Decision Making (EDM) – ein Prozessmodell zur Entscheidungsbegleitung, das Denken und Spüren in ein ausgewogenes Verhältnis bringt und Menschen unterstützt, Entscheidungen nicht nur zu treffen, sondern sie innerlich zu bewohnen und zu verantworten.

Im Dezember 2024 erschien im Adebar-Verlag der Sammelband Focusing und Erlebensbezogene Psychologie, herausgegeben von Reschke, Müller, Munz, Schudek und Fischer. Das Buch würdigt Leben und Werk von Hejo Feuerstein als Mitbegründer des Focusing in Deutschland und Wegbereiter der Experientiellen Psychologie in Europa und ist ihm zu seinem 80. Geburtstag gewidmet.

Die zahlreichen Reaktionen aus der internationalen Focusing-Community auf sein Ableben zeigen, wie prägend sein Wirken war – fachlich, menschlich und politisch im besten Sinne. Als Mitglied des Leadership-Gremiums des Internationalen Focusing Institute und als Ideengeber für europäische Zusammenarbeit war er hoch angesehen – nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeit, Unterschiedlichkeit auszuhalten und dialogisch fruchtbar zu machen.

Lieber Hejo, zum Schluss ein persönliches Wort: Fast fünfzig Jahre sind wir gemeinsam einen beruflichen und freundschaftlichen Weg gegangen – im FZK, in der GwG, in zahllosen Projekten. Viele Tage im Elsass, an langen Tischen, mit Papieren, Skizzen und Ideen. Viele Reisen nach Chicago, um von Eugene Gendlin zu lernen. Doch was bleibt, sind nicht nur die gemeinsamen Konzepte, sondern auch die Bilder jenseits der Arbeit: Nächte in Chicagos Blues-Bars, Reisen durch die USA nach Konferenzen – Monument Valley, Grand Canyon, San Francisco, Boston, Toronto – und die vielen kulinarischen Entdeckungen im Elsass oder in Paris. Du hast viel gearbeitet. Aber du hattest auch ein feines Gespür für savoir vivre.

Es erfüllt mich mit Stolz, einer deiner Wegbegleiter gewesen zu sein.

Dieter Müller

.